Österreicherinnen in Nepal: 5 Fragen an Birgit Lienhart-Gyawali

„Wenn man offen ist, passieren einem die tollsten Dinge.“

Birgit lebt seit 14 Jahren in Nepal. Sie ist verheiratet, hat eine 8-jährige Tochter und ist Inhaberin des kar.ma coffee im Stadtteil Lalitpur in Kathmandu. Der Kaffee kommt aus fair-gehandelter Handarbeit aus dem Himalaya Gebirge. Darüber hinaus verkauft sie viele schöne nachhaltige Produkte aus Kaffee und Kaffeenebenprodukten, Holz und Ton in ihrem Café, das eher an ein verlängertes Wohnzimmer erinnert. Das Interview führten wir am 25.1.2017 bei einer herrlichen Tasse Kaffee in ihrem kar.ma coffee. (www.madeinnepal.com)

 

  • Was qualifiziert genau dich für deinen Job hier?

Mein Mut, meine Neugier, die Liebe zu den Leuten, zum Ausprobieren und vor allem zu allem Schönen. Ich liebe es, schöne Sachen um mich zu haben und herumzuexperimentieren und zu schauen, was dabei raus kommt. Fachlich bin ich beim Mithelfen im Tourismusbetrieb, in meiner Heimat Tirol, großgeworden und habe dort auch eine Tourismusschule besucht. Danach studierte ich Völkerkunde mit Soziologie und Internationaler Entwicklung – aber immer mit Schwerpunkt Tourismus in Entwicklungsländern. Ich bin bei allem, was ich hier in Nepal mache, beeinflusst worden von meinen bisherigen Erfahrungen. Habe auf Reisen immer so viele einfache Sachen entdeckt, die wunderschön sind und auf einer guten Idee beruhen. Ich durfte lernen, dass alles Natürliche, ob beim Recycling oder der Verwendung von lokalen Materialien, von Holz bis hin zu Zutaten in Speisen und Getränken, am Schönsten ist. Deshalb arbeite ich auch hier nur mit kleinen Produzenten, recycle und versuche alles von Grund auf zu verwenden.

  • Was hast du für dich von den Nepalesen lernen dürfen?

Sehr viel. Ich habe meine Verkrampftheit abgelegt, wurde viel lockerer und flexibler. Wir sind ja eher so aufgezogen worden, dass alles nach Plan funktionieren muss. Hier habe ich gelernt, dass generell nichts nach Plan funktioniert. Ich wurde gelassener und offener und dadurch sind die tollsten Sachen passiert. Und auch wenn man glaubt, dass man absolut keinen Plan hat, es gibt immer einen Weg. Der endet meist irgendwo anders, aber dafür manchmal auch mit einem besseren Ergebnis. Schön ist auch der vermehrte Freiraum, man nimmt sich Zeit für Andere und schafft trotzdem etwas.

  • Sind dir auch besondere Behördengänge in Erinnerung geblieben?

Behördengänge hat es viele gegeben. Zum einen natürlich die Immigration. Ich bin schon ziemlich lange hier verheiratet, muss aber jedes Jahr ein Visum beantragen. Eine interessante Erfahrung war auch mein Auto anzumelden. Und die beste Behördenerfahrung war sicherlich, wie wir hier in zivil in einem Büro geheiratet haben. Es heißt hier ja nicht Standesamt. Ca. 150 Personen waren in dem Raum und haben versucht irgendwo ihren Fingerabdruck auf das Dokument zu pressen. Mit einem Anwalt, der am Boden kniet und die Urkunde ausfüllt und sich dann wieder ins Getümmel der Menschen stürzt, um noch mehr Fingerabdrucksbestätigungen zu bekommen. Ein einmaliges Erlebnis. Mein Kaffee hier aufzumachen war dann gar nicht mehr so chaotisch. Das regelt der Anwalt alles für einen. Alleine ist es auch zu schwer, alle Eventualitäten und Möglichkeiten zu bedenken, die es hier in Nepal so gibt.

  • Was sind für dich die größten kulturellen Unterschiede zwischen Österreichern und Nepalesen?

In Österreich gibt es gute frische Luft und der Verkehr ist nicht so hektisch. Ich liebe auch die Freiheit hier, nicht von 9 bis 17 Uhr im Büro zu sitzen. Auch in klassischen Bürojobs hier, hat man mehr Freiheiten sich die Zeit flexibler einzuteilen und einen lockereren Umgang miteinander. Verspätungen sind hier kein großes Problem. Es ist hier zudem viel persönlicher. In Europa mache ich immer die Erfahrung, dass man nicht miteinander redet, auch wenn man sich nicht kennt. Hier redet Jeder mit Jedem und das bei jeder Gelegenheit. Es gibt keinen Grund nicht miteinander zu reden. Auch die Spontanität genieße ich sehr. In Österreich muss ich immer Tage oder sogar Wochen im Voraus ausmachen, wenn ich jemanden treffen will. Hier rufe ich 30 Minuten vorher an und wir sehen uns danach. Man nimmt sich einfach Zeit, Freunde und Familie zu treffen. Ein großer Unterschied ist auch der Konsumzwang. Hier gibt es natürlich auch viele Geschäfte und Einkaufszentren, aber die Leute haben dafür erstens nicht das Geld und es ist ihnen zweitens auch egal, was sie tragen. Daheim ist der Druck groß, immer etwas Neues zu haben im Herbst, im Winter, zu gewissen Events und dann natürlich auch zum Sporteln. Hier ist das total egal, es kümmert niemanden, und es beurteilt dich auch niemand. Das finde ich erholsam und man kann dabei viel mehr seinen eigenen Stil entwickeln.

  • Wenn deine Tochter jetzt sagen würde, sie zieht nach Österreich – wie wäre deine Reaktion darauf?

Ich hoffe, dass sie sogar einmal nach Österreich geht, wenn sie alt genug ist. Mir ist es unheimlich wichtig, dass sie den gleichen Bezug zu Österreich hat, wie hier zu Nepal. Und ich denke, Kinder gehören uns nicht und wir können sie nur führen. Wenn sie das wirklich möchte, dann bin ich die Letzte, die sich dagegen stellt. Ich würde dann eben so oft als möglich nach Österreich kommen, um sie so oft als möglich zu sehen.

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Daniela Lehenbauer​

Als Kommunikationsmanagerin sehe ich mich als Netzwerkerin, Geschichtenerzählerin, Event Expertin, Krisen- und Changemanagerin, Analystin und Strategin. Hier schreibe ich über tolle Momente meines Lebens. Viel Spaß beim Stöbern.

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